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Die »Zeitschrift für Heereskunde« Ausgabe 452

April/Juni 2014 - Auszüge 1 -


Dirk Ziesing:
Das Zündnadelgewehr im Verbandkasten
Oder: Die unglaubliche Geschichte des Dreiecktuches

Das dreieckige Verbandtuch ist in seiner Verwendung zur Ruhigstellung eines verletzten Armes allseits bekannt. Die Geschichte der bebilderten Ausführung offenbart allerdings Erstaunliches: Eine um 1870 für das preußische Heer entworfene Darstellung setzte sich weltweit durch und hat auch mehr als hundert Jahre später nicht an Bedeutung verloren.

Im Jahre 1873 entwarf der hochrangige Militärarzt Friedrich von Esmarch ein bebildertes Verbandtuch. Darauf ist auch eine Waffe zu sehen, die dem damaligen Stand der Technik entspricht. Es ist kaum zu glauben, dass dieses Tuch in unveränderter Ausführung noch 1960 in Verbandkästen deutscher Autofahrer enthalten war. Doch damit nicht genug: Im Golfkrieg der jüngeren Vergangenheit wurden auf irakischer Seite Verbandtücher nach diesem Muster verwendet.


Abb.: Der erste Verband auf dem Schlachtfelde – Esmarchs erster Tuchentwurf

 

Friedrich von Esmarch

Friedrich August Esmarch wurde am 9. Januar 1823 in Tönning geboren. Er entstammte einer alten schleswig-holsteinischen Pastoren- und Juristenfamilie. Ab 1843 studierte Esmarch Medizin in Kiel und Göttingen, und 1846 wurde er Assistent am chirurgischen Hospital zu Kiel. An den schleswig-holsteinischen Freiheitskämpfen gegen Dänemark in den Jahren 1848 bis 1850 nahm er als Feldchirurg teil. Dabei geriet er gemeinsam mit dem Generalstabsarzt in dänische Gefangenschaft. Allerdings ließ man die Mediziner wieder frei, nachdem sie ihre kriegsgefangenen Landsleute versorgt hatten, mit dem Hinweis, dass man mit Ärzten keinen Krieg führen würde. In gleicher Weise wurden übrigens auch dänische Ärzte von den deutschen Truppen behandelt.

Nach seiner Habilitierung war Esmarch an der Universität Kiel als Privatdozent tätig. 1851 begann er eine Studienreise, die ihn nach Prag, Wien, Paris und Brüssel führte. Zum Direktor der chirurgischen Klinik Kiel wurde er 1854, und drei Jahre später erhielt er den Professorentitel.

Abb.: Friedrich von Esmarch (1823 – 1908)

Im zweiten deutsch-dänischen Krieg 1864 erwarb sich Esmarch große Verdienste um die Lazarette auf dem Schlachtfeld. Ein bekanntes Ereignis in diesem Krieg war die Erstürmung der Düppeler Schanzen durch preußische Truppen am 18. April 1864. Zu den dabei gefallenen Preußen zählte unter vielen anderen der Pionier Klinke, der eine Sprengladung ohne Zündschnur zur Explosion brachte. Er tat dies mit voller Absicht, um eine dänische Palisade zu beseitigen, die den preußischen Sturm aufzuhalten drohte.

Der Krieg von 1864 verdient jedoch auch im Hinblick auf das Sanitätswesen eine besondere Erwähnung, da hier erstmalig bei einer kriegerischen Auseinandersetzung das Zeichen des Roten Kreuzes verwendet und geachtet wurde. Henri Dunants Schilderungen über die Schlacht bei Solferino (1859), in denen das Elend der Verwundeten und die Hilflosigkeit der Sanitätskräfte zum Ausdruck kamen, hatten bekanntlich 1863 zur Gründung des Roten Kreuzes geführt.

In seinen Aufzeichnungen berichtet Esmarch, dass auch er 1864 eine weiße Armbinde mit dem roten Kreuz trug. Die zivilen Sanitätskräfte waren zu dieser Zeit zwar noch nicht organisiert, aber es waren bereits 118 Frauen (zumeist katholische und evangelische Ordensschwestern) und 40 Männer (darunter Mitglieder des Johanniter-Ordens) in den preußischen Feldlazaretten tätig. Im August 1864 wurde dann die erste Genfer Konvention von zwölf europäischen Staaten unterzeichnet.

1866 wurde Professor Esmarch in die Reichshauptstadt berufen und übernahm die chirurgische Leitung aller Berliner Lazarette. Im deutsch-französischen Krieg wurde er zum Generalarzt und obersten Militärchirurgen ernannt. Daneben organisierte er die freiwillige medizinische Hilfe zunächst in Kiel und in Hamburg und übernahm später die Leitung des großen Barackenlazaretts auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. Nach Kriegsende kehrte er nach Kiel zurück, wo er 1872 in zweiter Ehe Prinzessin Henriette von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg heiratete, eine Tante des späteren deutschen Kaisers Wilhelm II. Von diesem wurde Friedrich Esmarch 1887 in Anerkennung seiner Verdienste geadelt. Zehn Jahre später ernannte man ihn zunächst zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt Tönning, und 1902 wurde ihm die gleiche Ehre in Kiel zuteil.

Abb.:
Im Jahre 1873 brachte Professor Esmarch die zweite, vereinfachte Fassung des illustrierten Verbandtuches heraus. Die Broschüre
"Der erste Verband auf dem Schlachtfelde" blieb dabei bis 1899 unverändert.

Außer dem Dreiecktuch wurde von Esmarch besonders bekannt durch die nach ihm benannte Blutleere in Gliedmaßen vor einer Operation mittels Umschnüren mit einer Gummibinde. Vor der Einführung dieser künstlichen Blutleere wurde selbst bei Amputationen keine besondere Rücksicht auf die enormen Blutverluste genommen.

Ferner wird der sogenannte Esmarch-Handgriff zum Vorschieben des Unterkiefers heute noch angewandt, um bei Bewusstlosen die Erstickungsgefahr zu bannen. Weiterhin stellte Esmarch 1877 einen von ihm entwickelten Narkoseapparat auf Chloroformbasis vor.

Auf der 1876 in Philadelphia stattfindenden Weltausstellung beeindruckte das Deutsche Reich im Besonderen durch neuartige Geschütze aus Krupp-Stahl. Daneben war allerdings auch Friedrich Esmarch vertreten, der "Verbände, Apparate und Abbildungen zur Krankenpflege" ausstellte. Schließlich geht auch der Begriff „Erste Hilfe“ auf Professor von Esmarch zurück.

Der Verfasser berichtet weiter ausführlich über den Ursprung des "ersten Verbandes auf dem Schlachtfelde ... mit Hilfe dreieckiger Tücher", über Wundhygiene, das Dreiecktuch von 1873, das Zündnadel-Füsiliergewehr M 1860 auf dem Verbandtuch sowie über die Verbreitung und die militärische und zivile Verwendung des Dreiecktuchs.